Salman Rushdie: »Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte«

Sehr wenig weiß man, doch viel wurde geschrieben über die wahre Natur der Dschinn, jener Wesen aus rauchlosem Feuer. Sind sie gut oder böse, teuflisch oder gütig?

Ein tiefes Seufzen löst sich aus der Brust, nachdem das letzte Wort des neuen Romans »Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte« von Salman Rushdie gelesen und der Buchdeckel zugeschlagen ist. Doch ist es ein Seufzen vor Wonne oder gar vor Erleichterung über ein spannendes, ein traurig-herzergreifendes Ende? Oder ein Seufzen der Erleichterung darüber, dass dieses Buch, an dem sich auch ein Großmeister der Worte wie Rushdie überhoben haben könnte, zu Ende ist? Wir werden sehen.
Allein das Erscheinen eines neuen Romans von Rushdie, dem berühmten Autor der Mitternachtskinder und der satanischen Verse ist ein großes Ereignis der literarischen Welt – und dann noch der Titel. »Wow!«, denkt man, denn er ist nichts Geringeres als die Anspielung auf einen der Klassiker der Weltliteratur – die Geschichten aus tausendundeiner Nacht, auf diese genau zwei Jahre, acht Monate und 28 Nächte umfassende Zeitspanne, in der die schöne Scheherazade Geschichten erfindet um ihr Leben zu retten. Geschichten, in denen Wundervolles und Wundersames kunstvoll erzählt wird. Ja, denkt man sich, das ist ein Stoff, wie gemacht für Rushdie, diesen Meister des gewitzten Wortes, der Feuerwerke aus farbenreichen Ideenblitzen, aus Frivolem und lustvoll Erzähltem.

Rushdie entführt den Leser in seinem Roman tief in die verzweigten Wechselspiele zweier sehr unterschiedlicher Welten – in die Welt der Menschen und eine Welt namens »Peristan-Märchenland«, die Welt der Dschinn. Dschinn, so erfahren wir, sind Wesen aus rauchlosem Feuer, herz- und seelenlos, unendlich sexbesessen und leider nur zu primitiven Gefühlen wie Wut, Missgunst, Rachsucht und Habgier fähig.
Durchaus gekonnt verknüpft Rushdie in seinem Roman drei zeitliche Ebenen. Nach einem kurzen Exkurs zum Wesen der Dschinn befindet sich der Leser im Andalusien des 12. Jahrhunderts, in dem sich etwas ereignet, das bis in unsere heutige Zeit von großer Bedeutung sein wird. Wir begegnen Ibn Rushd, einem Gelehrten, der versucht, das Rationale mit dem Göttlichen in Einklang zu bringen, und der sich dabei die Zähne an seinem größten Rivalen, einem religiösen Dogmatiker namens Ghazali, ausbeißt. Dunia, eine Dschinn-Prinzessin, verliebt sich in den alten Ibn Rushd, und mit ihrer übernatürlichen Fruchtbarkeit begründet sie die Linie der Duniazat, der Bastarde zwischen Dschinn und Mensch, die sich über die Jahrhunderte hinweg vermehren, sich ihrem märchenhaften Ursprung und der damit einhergehenden Fähigkeiten nicht bewusst sind und die nur ein einziges gemeinsames Merkmal in ihrer Erscheinung haben – angewachsene Ohrläppchen. Ibn Rushd und Ghazalie ruhen in ihren Gräbern, die Welt geht ihren Gang, und schwuppdiwupp sind ein paar Jahrhunderte verstrichen und wir stolpern in das Leben des vom Schicksal gestraften oder auserwählten – was ja meist das gleiche ist – Mr. Geronimo, eines Helden mit angewachsenen Ohrläppchen. Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte gut erzählt, Rushdie würzt die Handlung mit etwas Philosophie und Religionskritik und auch die Charaktere zappeln lebendig am roten Faden der Erzählung. Die dritte zeitliche Ebene ist in einer fernen Zukunft angesiedelt, aus der heraus die gesamte Handlung erzählt wird, gewissermaßen als Epos, als das Ereignis der Menschheitsgeschichte, das alles verändern sollte. Mr. Geronimo und alle anderen Nachfahren Ibn Rushds haben das Pech, dass gerade jetzt, an einem x-beliebigen Tag ihrer verkorksten Leben, die Pforten, welche die Welt der Dschinn und der Menschen voneinander trennten, gesprengt werdenund die Welt von den Dschinn heimgesucht wird. Im Gegensatz zu Prinzessin Dunia kennen die meisten Dschinn keine Liebe zum Menschengeschlecht, sondern gehen nur ihren dschinnhaften Ausschweifungen und (Rache-)Gelüsten nach.

Die Dschinn ändern sich im Verlauf der Jahre nicht sehr. Für sie ist Existenz ausschließlich eine Sache des Seins, nicht des Werdens. Deshalb kann die Dschinn-Welt langweilig werden.

Leider ist dieses Zitat auch symptomatisch für den weiteren Verlauf der Handlung, klischeehaft erlebt der Leser einen Showdown zwischen guten und bösen Dschinn. Die Nachkommen Ibn Rushds werden zu Kriegern im Kampf gegen die vier großen Ifrit, die größten und bösesten aller Dschinn. Besser wird das Ganze auch deshalb nicht, weil man beim Lesen spürt, dass Rushdie die Handlung und die Charaktere benutzt um sein Weltbild darzulegen. Der Disput zwischen Ibn Rushd und Ghazali, zwischen westlich aufgeklärter, säkularer Gesellschaft und einem religiösen Fanatismus, einen der Ifrit macht Ghazali zu seinem ideologisch indoktrinierten Gotteskrieger alla IS-Terrorist.

Flöße Ihnen Furcht ein, befahl Ghazali ihm. Nur Furcht bringt sündige Menschen zu Gott. Furcht ist ein Teil Gottes … Man kann sogar sagen, dass die Furcht das Echo Gottes ist, und wo immer man das Echo hört knien die Menschen nieder …

Leider ist dieses Zitat auch symptomatisch für den weiteren Verlauf der Handlung, klischeehaft erlebt der Leser einen Showdown zwischen guten und bösen Dschinn. Die Nachkommen Ibn Rushds werden zu Kriegern im Kampf gegen die vier großen Ifrit, die größten und bösesten aller Dschinn. Es wird mit Blitzen geschossen, zerstört, vernichtet – und doch bleibt das alles ohne jede Spannung. Besser wird es auch deshalb nicht, weil man beim Lesen spürt, dass Rushdie die Handlung und die Charaktere benutzt, um sein Weltbild darzulegen: Das Weltbild eines Mannes, der viel erlebt und gesehen hat, der genauso wie sein Alter Ego Ibn Rushd an den ideologisch-religösen Großbaustellen von Orient und Okzident gescheitert ist. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass wir es hier mit einem altersmüden Rushdie zu tun haben, der in seinen abgelegten Buchrezepten herumgestöbert hat, um einen feurigen Eintopf zu kochen. Doch scheint es, dass ihm einige Zutaten fehlen, und so wird nach einem Blick in die Kühltruhe doch nur Altes wieder aufgewärmt. Ein Resteessen vergangener Ideen! Was in den satanischen Versen funktioniert, wird hier zur blassen Schablone auf dem Niveau eines Hollywood-Actionfilms. Das Gute im Menschen kämpft gegen das Böse, die ständige Geilheit der Dschinn wird immer wieder zur Sprache gebracht. Das Seufzen über dieses groß angelegte und groß gescheiterte Stück Literatur nimmt kein Ende.
Auch Rushdies Wahl, die Erzählung als Blick aus einer besseren Zukunft anzulegen, in der scheinbar Frieden und Harmonie in der Welt der Menschen herrschen, unterstützt das moralisierend Klischeehafte des Romans. Gewiss findet man auch in diesem Roman Ideen und Charaktere, die den bekannten Charme und Witz eines Rushdie versprühen – und doch bleibt diese Geschichte aus tausendundeiner Nacht leider blass und farblos.

Doch die Nächte vergehen stumm. Eintausendundeine Nacht mögen vergehen, doch sie vergehen still wie eine Geisterarmee, die mit lautlosen Schritten durch die Dunkelheit marschiert, ungehört ungesehen, während wir älter werden und sterben.

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte
von Salman Rushdie

übersetzt von Sigrid Ruschmeier

384 Seiten, € 19,99
(gebunden)

ISBN 978357010274-9
erschienen bei C. Bertelsmann

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