Aldous Huxley: »Schöne neue Welt«

Die größten Triumphe der Propaganda wurden nicht durch Handeln, sondern durch Unterlassung erreicht. Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom praktischen Gesichtspunkt, ist das Verschweigen der Wahrheit.

Wer dieses Buch aufschlägt, wird es erst nach der letzten Seite zuschlagen. Und lange wird das Gelesene ihn beschäftigen. Die Handlung spielt weit in der Zukunft, in einem Weltstaat des Jahres 2540 n. Chr., aber so fernab von unserer gelebten Globalisierung ist die im Buch projizierte Vorstellung nicht. Menschen werden in der neuen Welt in Brutkästen aufgezogen und entsprechend ihres späteren Einsatzgebietes optimiert (mit der Pränataldiagnostik steckt diese Idee bei uns noch in den Kinderschuhen), dementsprechend ist die beschriebene Gesellschaft in Klassen nach Intelligenz organisiert. Allesamt werden die Menschen durch eine gesetzlich verschriebene Droge an die Nabelschnur der Zufriedenheit gekoppelt. Man garantiert eine seltsame Art von Glück und vor allem Ruhe und Ordnung. Das Leben einiger der in dieser Welt lebenden Menschen wird näher beschrieben, ihre Wege kreuzen sich. Bezeichnenderweise geht es um die Begegnung der angepassten Bürger der ersten Klasse mit zwei Bewohnern eines ursprünglichen Reservates, das stark den Indianerreservaten Amerikas gleicht. Die detaillierte Handlung steht im Schatten des gewaltigen Prognosepotenzial des Buches. Huxley wirft einen Blick in die Zukunft. Seine Befürchtungen lassen dieses Buch zu einer Offenbarung werden, in deren Mittelpunkt die Fragen nach Normierung und Determinierung stehen, Gedanken zu wahrhaft Gutem, Leidenschaft und der Rolle von Kunst, Schönheit, Wissenschaft und Religion im Leben der Menschen. Der Autor warf seinen Blick bereits 1932, und er traf ins Schwarze, oder zumindest dessen Rand. Eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit, deren Erfüllung unerwartet nah scheint. Beim Lesen dieses Romans vergleicht man das Beschriebene unweigerlich mit seinem Umfeld, mit der Welt, in der wir Leben. Ein beklemmendes Gefühl, dass sich bei jeder entdeckten Überschneidung potenziert. Huxley hat etwas gesehen, auf das wir blind zusteuern. Dieses Buch ist kein Zukunftsmärchen, sondern eine Warnung.

»Damit Sie sich ein allgemeines Bild machen können«, sagte er ihnen dann. Ein allgemeines Bild mussten sie schließlich schon haben, wenn sie qualifizierte Arbeit leisten sollten – allerdings, da aus ihnen ja gute, glückliche Mitglieder der Gesellschaft werden sollten, eben so allgemein wie nur möglich. Denn der Schlüssel zu Tugend und Glück liegt, wie wir wissen, im Besonderen; das Allgemeine ist ein intellektuell notwendiges Übel. Nicht Philosophen, sondern Laubsäger und Briefmarkensammler bilden das Rückgrat der Gesellschaft.

schoeneneuewelt

Schöne neue Welt
von Aldous Huxley

übersetzt von Uda Strätling

368 Seiten, € 9,99
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3104027739
erschienen bei S. Fischer

rezensiert von

Ein Kommentar zu “Schöne neue Welt”

  1. Das Buch ist wie 1984 seiner Zeit weit voraus gewesen. Das Bild von der Gesellschaft, das hier gezeichnet wird ist beklemmend und auf eine grausame Art schlüssig. Es wirft die Frage auf, in welcher Welt wir leben wollen und auf die Werte, die ein Kollektiv ausmachen. Eine Frage, die nicht immer sichtbar ist, aber trotzdem immer präsent ist.

    Ein Zitat habe ich mir aufgeschrieben, ein Abschnitt der hinsichtlich Inhalt und Form perfekt ist:
    „Kein Wunder. Wirkliches Gefühl sieht immer rechtjämmerlich aus, verglichen mit den Überkompensationen für Unglück. Und Beständigkeit bietet natürlich bei weitem kein so packendes Schauspiel wie Unbeständigkeit. Zufriedenheit hat nichts vom Ruhmesglanz eines tapferen Kampfes gegen Ungemach, nichts vom malerischen Reiz eines Ringens mit der Versuchung oder eines völligen Zusammenbruchs wegen Leidenschaft oder Zweifel. Glück ist niemals erhaben.“

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