Banana Yoshimoto: »Ihre Nacht«

Ich glaube es war vor unserem ersten Schultag. Da habe ich Sōichi zum letzten Mal gesehen. Jener Tag war so schön, dass ich mir wünschte, er würde nie aufhören. Ich erinnere mich sehr gut. Es war eine Zeit, in der mein Zuhause mehr und mehr von etwas Dunklem überschattet wurde.

Banana Yoshimoto wird auf dem Klappentext neben Haruki Murakami als Japans wichtigster literarischer Exportschlager gefeiert. Die Erklärung, warum Yoshimoto solch durchschlagenden Erfolg in der sogenannten westlichen Welt hat, bleibt dieser Roman jedoch schuldig. Wenn es schon heißt »im Westen nichts Neues«, dann kann man bei dieser Lektüre immer nur wieder seufzend konstatieren: Im fernen Osten erst recht nichts! Yoshimoto kocht ihr Süppchen nach altbewährtem Rezept. Wie in vielen ihrer Werke schreibt sie der Tradition der japanischen Ich-Erzählung folgend. Dazu kommen eine gute Portion mundgerecht geschnittener Esoterik, etwas Tragik und Tod und schlussendlich eine Prise übernatürlicher Phänomene.

Die Hauptfiguren des auch vom Umfang her recht schlank gehaltenen Romans sind die junge Ich-Erzählerin Yumiko und ihr Cousin Sōichi. Die Erzählung beginnt mit einem Rückblick: Sōichi und Yumiko spielen einträchtig im Gartenidyll. Ihre Mütter sind Zwillinge, beobachten die spielenden Kinder, werden jedoch bald jeden Kontakt zueinander abbrechen. Das Kind Yumiko wird durch Yoshimoto schon an dieser Stelle mit der Gabe der Weitsicht bedacht, sodass Yumiko ein unheilvolles Schicksal prophezeit wird, während Sōichi einem Sonnenscheinleben entgegenstrebt. Und genauso kommt es: Yumikos Mutter gründet eine Kette für sündhaft teure Lebensmittel aus Europa, ist wahnsinnig erfolgreich, wird gierig und kontrollsüchtig und verliert schließlich den Verstand. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Sōichis Familie hingegen, die ebenfalls ein Lebensmittelgeschäft für Importware betreibt, bleibt bodenständig und glücklich. Jahre später treffen sich Sōichi und Yumiko wieder, aber nicht zufällig. Es ist der letzte Wille von Sōichis Mutter, die ihm aufträgt sich um Yumiko zu kümmern. Man begleitet die beiden auf den folgenden Seiten auf einem Road Trip in die Vergangenheit der Familie mit ihren mehr oder weniger dunklen Geheimnissen.

»Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?«
»Damals war ich gerade so alt, dass ich für mich selbst sorgen konnte und natürlich habe ich auch ein bisschen was geerbt. Was die Gegenwart betrifft – eine Freundin von mir ist Modedesignerin. Sie hat ein Atelier in Rom, ihre Kollektionen verkaufen sich in Japan ziemlich gut …«

Leider sind die meisten Dialoge genauso platt, gekünstelt und klischeebeladen wie dieses Beispiel. Kein einziger Charakter, nicht einmal die beiden Hauptpersonen, gewinnt an Kontur. Es entwickelt sich kaum etwas, das den Namen »Spannungsbogen« verdient hätte. Und so schleppt man sich beim Lesen zäh durch die zum Glück überschaubare Seitenzahl. Da man aber schon nach wenigen Seiten von Yoshimotos Buchstabensuppe satt ist, wird auch das zur Qual. Die Handlung mäandert zwischen seichten Naturbeschreibungen und Yoshimotos Beschreibungen einer hedonistischen Lebensweise.

Sōichi stand am Herd, wie jemand der jahrelang seinen Körper trainiert hat – mit einem unerschütterlichen Rückgrat und geschmeidig … wie sich seine Schultern bewegten. Der verbiegt sich nicht, dachte ich. Er ruht ganz in sich selbst. … Ob es an den Gewürzen lag oder an Sōichis Kochkünsten, die Paella schmeckte ausgezeichnet. Gemütlich tranken wir Wein und vermieden Themen, die uns die Stimmung hätten verderben können.

Wer hätte es gedacht, entspinnt sich zwischen Sōichi und Yumiko eine Liebesgeschichte, die aber genauso blass wie die beiden Charaktere bleibt. Der einzige Lichtblick, der den Roman zwar nicht rettet, ihn aber immerhin aufatmen lässt, ist das Ende der Geschichte. Es bleibt nur eine Hoffnung nach Banana Yoshimotos Roman – nämlich diejenige auf Einfuhrkontrollen für diese Art literarischer Exportschlager. Mahlzeit!

ihrenacht

Ihre Nacht
von Banana Yoshimoto

übersetzt von Thomas Eggenberg

206 Seiten, € 9,90

ISBN 978-3257242515
erschienen bei Diogenes


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