Erik Fosnes Hansen: »Das Löwenmädchen«

Ah, ei, eieieiei, trrreten Sie näher, meine Damenn und Herrrenn, trrreten Sie näher! Sie auch, mein Herr, und Sie, meine Damennm herrreinspaziert.

In einem kleinen Städtchen in Norwegen wird dem Stationsmeister Arctander in einer Winternacht eine Tochter geboren, nachdem bei seiner Frau Ruth verfrüht die Wehen eingesetzt hatten. Auf dem Heimweg von einer Chorprobe war sie gestürzt und hatte eine Weile im Schnee gelegen, bevor die Frau des Apothekers sie letztendlich fand.

Eigentlich sollte das Kind ein Grund zur Freude für das Ehepaar sein, auch deshalb, weil Arctander sich schon in gesetzterem Alter befindet, doch Ruth stirbt bei der Geburt und das Wesen, dem sie das Leben schenkt, ist ganz und gar nicht das, was man unter einem niedlichen Neugeborenen versteht.
Von Kopf bis Fuß in weiches, weißes Fell gehüllt, gleicht sie mehr einer kleinen Katze, denn einem Menschen, sodass der Vater ihren Anblick zunächst nicht ertragen kann. Mit einer ausufernden Beerdigung seiner Frau versucht er sich von seinem Kind abzulenken. Der Apotheker und seine Frau nehmen sich der Kleinen an, die später Eva heißen soll, bis sich Arctander in die neue Situation eingefunden hat.

Doch auch in Zukunft ist das Leben für Eva nicht leicht. Schnell wird im Ort bekannt, was für eine Art Kind beim Stationsmeister lebt und so vermeidet er es seine Tochter den argwöhnischen Blicken der örtlichen Bevölkerung auszusetzen, beschützt sie, wo er nur kann. Nur wird seine Tochter älter und eines Tages zu unruhig, um ständig im Haus zu bleiben. Ihr einziger Freund bleibt jedoch der Bahnangestellte „Funken“, von dem sie das Morsen lernt. Eine Form von Kontakt zur Außenwelt, bei der ihr Aussehen von keinerlei Bedeutung ist.

Als seltenes Exotikum, auch und besonders in der Schule, zieht Eva sogar das Interesse internationaler Wissenschaftler auf sich und wird auf einem Kongress angesichts ihrer Behaarung tagelang von angeblich Gelehrten begafft wie ein Tier. Hier jedoch trifft sie auf einen weiteren „ihrer Art“, einen jungen Mann, dessen Haut wie Fischschuppen anmutet und der sie anregt bei einer Art Zirkus anzuheuern, in dem sie ein Leben unter Ihresgleichen führen könnte.

In einer weichen, angenehmen und fast poetischen Sprache beschreibt Erik Fosnes die Kindheit und Jugend einer Andersartigen, die ein stetes Verletztwerden und Sichwiederaufrappeln ist, geprägt von Vorurteilen, Quälereien, Grausamkeit und Hass.

Sie schaut ihn erstaunt an, ahnt vielleicht etwas, das sie noch nicht wissen kann, dass nämlich lange Reisen oft so eine Wirkung auf die Menschen haben; sobald der Zug oder das Schiff sich in Bewegung versetzt, ist es, als würde das Leben, wie es ist, von ihnen abfallen, und das Leben, wie es sein sollte,s ie erfüllen, für eine Weile sind sie diejenigen, die sie hätten werden können, sie sind frei und erinnern sich an manches, and das sie jetzt nicht mehr gebunden sind, das von hier aus ganz entfernt wirkt […]

Immer wieder lässt der Autor Eva selbst zu Wort kommen, sodass der Leser ihr im Laufe des Romans näher kommen kann.
Er formt so auf äußerst mitfühlende Weise seine Protagonistin als ein neugieriges Mädchen, eine kraftvolle junge Frau, die sich immer wieder gegen die Feindseligkeiten von Außen auflehnt und stets aufs Neue eine Nische für sich findet, jedoch nie Teil einer Gesellschaft werden kann, die zu engstirnig ist, um etwas Abweichendes zu akzeptieren.

Das Löwenmädchen
von Erik Fosnes Hansen

400 Seiten, € 9,95
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3596180899
erschienen bei Fischer

rezensiert von

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