Christian von Aster: »Jadetrunk und Rabenfuß«

Bevor ich mich zum großen östlichen Gipfel aufmachte, hatte ich schon viel vom Haus zum Goldenen Wolkenzepter gehört, jenem Tempel auf dem Tai Shan, einem, der heiligen Berge Chinas, dessen Mönche, wie es heißt, wundersame Legenden aus allen Zeitalten bewahren.

Eine Märchensammlung also. Nicht ganz: Der von Aster hat weder Grimm-Style gehört und aufgeschrieben, noch übersetzt oder nacherzählt. Tatsächlich sind es erdachte Märchen (wir haben gefragt), sortiert als Almanach, ganz im Hauff‘schen Sinne, aber völlig frei von dessen Beschränkung auf höhere Söhne und Töchter. Und auch nicht nur Studierenden der Sinologie vorbehalten.

Alles beginnt mit einem Anstieg auf einen Berg, Ziel ist ein Kloster voller Geschichten, willkommen geheißen wird man von Mönch, Tee und … seiner Geschichte.
Mönch Tsu Yan erzählt die Rahmenhandlung: Als er noch neu war im Kloster, starb der alte Meister Guan. Der Meister glaubte, die vollkommene Geschichte ließe ihn friedlich verscheiden, daher bat er die versammelten Mönche um Geschichten.

Als der Scharfrichter ihm schließlich unter den Augen des hohen Herrn Hong den Kopf vom Rumpfe trennte, kroch ein Rabe aus dem Hals des Hingerichteten heraus, der schwarz war, wie die Nacht und das Ende aller Hoffnung.

Dieser doppelte Rahmen der zwölf Märchen sogt dafür, dass man das Buch quasi nie weglegen möchte, denn am Ende des Märchens geht endlich die Rahmenhandlung weiter und am Ende dieser kommt endlich ein neues Märchen. Chinesisch ist jeweils nur das Setting, aber auch das Design im Buch. Immer wenn ein Mönch eine Geschichte beginnt, bekommt der Leser den Titel auf einer extraaufwändigen Seite mit besonderer Type, Muster und kleiner Atempause präsentiert. Auch die arabesken Absatztrenner lohnen exakt angeschaut zu werden. Den optischen Stil des Covers behält das Buch also durchweg bei.

Darum auch hütete der Fürst seine Tochter, als wollte er, solange darin womöglich auch nur die Ahnung einer Gefahr für sie lauerte, die ganze Welt von ihr fernhalten. Den Boden, auf dem sie wandelte, den Tee, den sie trank, und selbst die Luft, die sie atmete, ließ Fürst Daschao zuvor von seinen Gelehrten begutachten.

Der Leser erfährt aus den nacherzählten Erzählungen der Mönche fast jedes Detail, aus der Erzählsituation von Tsu Yan etliches, aber vom »ich«, das extra auf den Berg gestiegen ist, eigentlich nichts. Auch deswegen möchte man immer wieder rasch weiterlesen.

Als Sohn des Fürsten von Ji war er gewohnt, zu bekommen, was er wollte. Sein hochgewachsener Körper, meist in Samt und Seide, treu zu Seite ihm das Schwert, die wilden dunklen Augen wie suchend in die Weite gerichtet, streifte der Jüngling durch die Welt und ließ sich weder von Religion noch Staatgeschäft bekümmern, nicht vom Wort seines Vaters, noch den zähen Fäden der Vernunft.

Dass ein Christian von Aster schreiben kann, belegen etliche Preise, eine hörige Leserschaft und andere Rezensionen hier auf der Seite. Wie gut im Detail und unter der Wahl welcher Mittel variiert dann doch immer mal. Hier ist den länger anhaltenden, märchentypischen und poetischen Sprachbildern klar der Vorzug gegeben worden. Auf Lacher oder eine rein unbunte Leserschaft zielt hier niemand. Auch mit großen Moralkeulen wird man verschont, obwohl es natürlich kleinere Weisheiten regnet. Bei zwölf Geschichten mag jeder sicherlich mal eine mehr oder weniger (diese Rezensentin mag »Herr Neng und der Tod« besonders – eine Punktlandung auf drei Seiten zum Thema Ende!), aber das tut der uneingeschränkten Leseempfehlung für alle keinen Abbruch. Ich kann mir niemanden vorstellen, der mit diesem Buch gar nichts anfangen kann. Kann man jeder Mutti, Oma und nervigem 8-Jährigen schenken, insbesondere aber Freunden der gepflegten Sprache, der Buchkunst und des klugen Gedankenguts.

Dafür ging er durch die Schule des Lebens, tauchte in die Mysterien der Trauer ein und irrte durch die sieben Täler der Furcht.

Jadetrunk und Rabenfuß
von Christian von Aster

138 Seiten, € 10,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3944072418
erschienen bei uni-edition

rezensiert von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.