Rudyard Kipling: »Über Bord«

Die Luvtür des Rauchsalons war für den Nordatlantik-Nebel offen geblieben; der große Liner rollte und hob sich und pfiff dabei, um die Fischerflotte zu warnen.

Vom ersten Satz an nimmt uns Rudyard Kipling, der vor allem durch sein »Dschungelbuch« bekannt ist, mit auf eine abenteuerliche Reise über das weite Meer. Das kompakte Buch liegt auffallend gut in der Hand. Sein Einband aus Segeltuch macht den Eindruck, unzerstörbar zu sein und selbst einem Sturz ins Meer trotzen zu können. Solch ein Sturz passiert einem jungen Mann aus priviligierter Familie von einem Passagierdampfer, der ihn in die Welt einfacher Kabeljaufischer und mitten in den harten Kampf ums tägliche Brot katapultiert. Auf seiner Reise im Nordwest-Atlantik reift er zu einem ernsten, charakterfesten Menschen heran.

Die kleine Prachtausgabe will nicht im verschlossenen Bücherschrank hinter Glas ausgestellt werden, sie will mit auf Reisen, am liebsten natürlich auf ein Schiff genommen werden. Ein solches ist auch auf dem Nachsatzpapier zu sehen, ein Zweimaster mit Klüver, Fock- und Großsegel. Die Erläuterung der Bestandteile des klassischen Segelschiffes helfen die Begriffe im Roman zu verstehen. Die Sprache der Seeleute ist von Kippling bestens recherchiert und zu Papier gebracht: roh und direkt, in verschiedensten Dialekten der Matrosen aus aller Herren Länder.

Mit kaum einem anderen Buch taucht man so intensiv in die Welt des Meeres und der einfachen Seeleute ein. Die Eindringlichkeit erinnert am ehesten an »Moby Dick«. Allerdings halten sich bei Kippling Schrecken und Segen der Naturgewalten ungefähr die Waage und verleiten die Figuren nicht dazu, sie mit aller Macht zu bekämpfen. Das Besondere besteht hingegen darin, dass die einfachen Menschen das Meer respektieren und schätzen, obwohl es ihnen manchmal hart zusetzt und so manches Opfer von ihnen fordert. Das scheint der Tribut zu sein, den die Fischer Jahr für Jahr für ihren reichen Fang entrichten müssen.

Viel Liebe und Empathie steckt in der Schilderung ihres harten Alltags. Und nahezu alles auf See hat einen eigenen Namen. Einige Passagen bestehen fast nur aus Begriffen, die man an Land noch nie gehört hat. Gisbert Haefs hat Kipplings wasserfeste Prosa kantig und kenntnisreich ins Deutsche übertragen und die Fachsprache der Seefahrt wird in knappen, präzisen Anmerkungen in der Marginalspalte neben dem Fließtext erläutert.

Die sorgsam gesetzte Typografie korrespondiert unaufdringlich mit der feinen Illustrierung von Christian Schneider. Beide greifen ineinander und begegnen sich in respektvollem Leerraum. Durch diesen schwimmen Fische, fliegen Möwen und tanzen Schiffe auf tosenden Wellen. Rau ist die See und die Sprache der Seeleute, sehnsüchtig und feinsinnig dagegen die blassbunten, detailreichen Zeichnungen. Sie wiegen den Leser sanft wie die Wellen das Schiff, und allzu oft schweift man ab beim Beobachten der Wasserlandschaften voller Menschen und Tiere, die den Text in schöner Regelmäßigkeit brechen.

Mit den zahllosen Möwen fliegen die Gedanken übers Wasser, treiben ziellos um das eigene Schicksal, den persönlichen Schiffbruch, der einem schon mal passieren kann. Doch derart ziellos auf dem weiten Meer zu treiben kann auch wahres Glück bedeuten. Dort sind keine Fragen, dort ist kein Suchen. Es ist ein Erfahren und Finden im Vordergrund. Im Hintergrund, bei den Wolken, wird der eigene Weg rekapituliert. Mit gesammelten Einsichten erwacht man aus dem Sinnen und nimmt sich den nächsten Abschnitt vor, als sei man selbst der Protagonist, der stetig dazulernt und auf seiner Reise voran kommt, bis er sich selbst gefunden hat, ohne das Festland erreicht zu haben. Oder gerade deswegen. So lässt es sich vorzüglich reisen. Schiff ahoi!

Über Bord
von Rudyard Kipling

übersetzt von Gisbert Haefs

312 Seiten, € 25,00
(gebunden)

ISBN 978-3864060601
erschienen bei Edition Büchergilde

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