Per Petterson: »Pferde stehlen«

Anfang November. Neun Uhr. Die Kohlmeisen knallen gegen das Fenster.

Trond ist 67, seit drei Jahren Witwer, und kürzlich von Oslo aufs Land gezogen, in die Nähe der schwedischen Grenze. In der gleichen Gegend hatte er gut 40 Jahre zuvor schon einmal Zeit verbracht – mit seinem Vater, mit Jon, dessen Mutter und dessen Brüdern.
Aufgrund einer Begegnung erinnert sich Trond an die Geschehnisse dieser Zeit, des Sommers 1948, und eingeflochten in diese Erinnerung wird die Geschichte des Vaters erzählt.

Und wenn jemand behauptet, die Vergangenheit sei ein fremdes Land, in dem die Leute anders handeln, dann habe ich es wohl die meiste Zeit des Lebens so empfunden, weil ich dazu gezwungen war, aber das will ich nicht länger.

Drei Erzählebenen also, und im Mittelteil des Buches gelingt das auch durchaus vielschichtig, allein es bleibt am Ende trotzdem der Gesamteindruck der Langatmigkeit, der Langeweile.

Es ist nicht so, dass nichts geschieht, es geschehen eigentlich sogar ganz dramatische Dinge, und wöllte man das Petterson zugute halten, dann würde ich sagen: er erzählt unaufgeregt. Aber das klingt zu positiv, dafür ist die Sprache zu banal, zu einfach der Handlungsaufbau. Zumeist ist alles, was geschieht, mehr oder minder absehbar, was den Autor dazu verleitet, vieles nur in Andeutungen zu erzählen. Dabei mangelt es ihm jedoch an sprachlicher Finesse, so dass es letzten Endes keinen wirklichen Anreiz gibt, das Buch trotzdem zu lesen – der Text gerät einfach zu beliebig, zu nichtssagend, und den eigentlichen Geschehnissen dadurch leider unangemessen.
Petterson führt zunächst einige Erzählstränge ein, führt diese dann zusammen, das ist noch eingermaßen interessant zu lesen, doch dann spinnt er neue, dünne Stränge, Strängchen, die er alsbald fallen lässt wie heiße Kartoffeln – am Ende bleibt vieles offen, und man wünscht sich die ein oder andere klarere Aussage über den Werdegang der ein oder anderen Figur.

Sicherlich, ein paar fein formulierte Stellen lassen sich finden (die beiden hier zitierten, im Großen und Ganzen), und ich mag auch, wie das titelgebende »Pferde stehlen« zu einer Art geheimem Code wird, aber das allein langt nicht, um eine Leseempfehlung auszusprechen.

[…] und dann fing ich an zu weinen, denn ich hatte gewußt, daß dieser Tag einmal kommen würde, und mir war klar, daß ich mich in der Welt am meisten davor fürchtete, jener Mann auf einem Bild von Magritte zu sein, der sich selbst im Spiegel sieht und direkt auf seinen Nacken starrt, immerzu.

Pferde stehlen
von Per Petterson

256 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3596175185
erschienen bei Fischer

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