Ralf Bönt: »Icks«

[31. August 1996.] – Ich machte einen Schritt aus der Bahnhofshalle heraus auf den Vorplatz, auf den Bahnhofsplatz, das war der erste Schritt in diese Stadt seit fast zehn Jahren, und ich war jetzt, das will ich so sagen, überglücklich: Mit dieser Stadt war ich fertig, zu Ende die Geschichte mit ihr, meine Geschichten mit ihr, oder in ihr – die Affären, samt der verdrehten Verlogenheit –, komplett fertig war ich damit schon bei der Ankunft, und da habe ich von Holtkämpers albernem Abgang, um das nur zum Beispiel zu nehmen, noch gar nichts gewusst, dieser Name war mir nicht mal geläufig, das heißt: nicht mehr geläufig, schon lange nicht mehr, seit der Kindheit eigentlich nicht mehr, das kann ich dir ernsthaft beteuern, dass ich komplett abgeschlossen hatte schon bei der Ankunft, das war ein ganz reiner und klarer Gedanke, auf dem Platz vor dem Bahnhof, oder eine ganz reine und klare Empfindung, so was kann eh kein Mensch unterscheiden.

Der erste Satz ist Programm: In Ralf Bönts Roman „Icks“ reihen sich seitenlange Sätze aneinander, die, ständig von Zwischeneinfällen unterbrochen, hektisch und unruhig erzählt wirken, und in ihrer Gesamtheit einen knapp 170 Seiten langen Monolog bilden.

Icks, der Erzähler des Ganzen, berichtet auf einem Flug von Deutschland nach New York seinem fast gänzlich stumm bleibenden Mitreisenden und „Gesprächspartner“ von seiner Reise in seine Heimatstadt, die er das erste Mal seit zehn Jahren wieder betritt. Detailliert schildert er die Fahrt durch die Stadt zu seinem Elternhaus, untermalt mit Erzählungen von Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend. Diese ostwestfälische Stadt, die der Erzähler lieber nicht beim Namen nennen möchte, die man aber durch einige Hinweise recht schnell als Bielefeld identifizieren kann, ist dem Erzähler mehr als verhasst.
Nach seiner Promotion arbeitslos, führt sich Icks, 33-jähig und junger Vater, von seinen Eltern unter Druck gesetzt – insbesondere von seinem Vater, der immer wieder gern anführt, dass er selbst mit Anfang 30 schon Chef eines Unternehmens und gerade damit beschäftigt war, ein Haus für seine Familie zu bauen. Verständlich also, dass Icks den Besuch bei seinen Eltern meidet und der Frage, was er denn bislang in seinem Leben eigentlich erreicht habe, gern aus dem Weg gehen möchte.

„Icks“ ist die Geschichte eines jungen Erwachsenen in den 1990er Jahren und aus dieser Perspektive sicherlich ein gelungenes Zeitportrait. Die dialoglose Ich-Bezogenheit des Erzählers, die Orientierungs- und Ziellosigkeit des Erzählers finden ihren Weg zum Leser. Doch bei den gewollt natürlich erscheinenden Sätzen, die sich in ständigen Gedankeneinschüben immer weiter verschachteln, droht man an mancher Stelle aus dem Lesefluss geworfen zu werden. Sätze wiederholen sich zum Teil fast wörtlich und scheinen ein Thema erst ewig und immer wieder zu umkreisen, bevor zu einem anderen Thema gesprungen wird.

…wo es mich umbringen wollte, das Schöne vielleicht, das schlichte Gute, das ja doch überall vorhanden ist, oder versteckt ist und sich aufdrängt und hineindrängt in alles, wenn es nicht immer gleich albern, kindisch und halt eben bloß lächerlich klänge. Scheiße, ich habe auch ein Recht auf meine Tragik! [Icks leert seinen Whisky.] Oder?? [… Ich bin jetzt überfordert und halte inne …]

Icks’ Gesprächspartner verbleibt meist stumm. Nur in eckigen Klammern fügt er ab und an hinzu, dass er Icks zustimmend zunickt oder mit den Schultern zuckt, meist beschreibt er nur kurz Icks’ Verhalten. Nicht nur der Mitreisende im Flugzeug scheint dadurch einer Quasselstrippe ausgeliefert zu sein – der gesamte Roman wirkt dadurch eher steif und undynamisch.
Ein Flug nach New York kann lang sein. Und genauso langatmig mag einem dieser Monolog erscheinen, der erst in der zweiten Hälfte des Romans ein wenig mehr an Fahrt gewinnt, wenn Icks nicht nur die Erinnerung an seine Heimatstadt Revue passieren lässt, sondern endlich auch auf den Besuch bei seinen Eltern eingeht. Sogar eine zaghafte Abgründigkeit mag sich dort plötzlich in der sonst eher harmlos bleibenden Familienkiste andeuten.
Vorgetragen hätte dieser Roman eventuell mehr Wirkungskraft gehabt, doch so verheddert man sich zu schnell in anstrengend diffusen Gedankengängen und Satzkonstrukten, zu dem nicht nur der Mitreisende ab und an mal nickt, größtenteils aber wohl hilflos mit den Schultern zuckt.

Icks
von Ralf Bönt

128 Seiten, € 8,95

ISBN 978-3832161347
erschienen bei Dumont

rezensiert von

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