Joseph Roth: »Hiob«

Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mandel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus.

»Hiob« erzählt die Geschichte eines ganz einfachen Juden: Mendel Singer ist ein zutiefst gottesfürchtiger Mann. Zusammen mit seiner Frau Deborah und ihren Kindern lebt er in einem kleinen russischen Dorf. Als Lehrer, der den Nachbarskindern für ein paar Kopeken die Gebote der Bibel näher bringt, kann er seine Familie eben gerade so noch über Wasser halten.
Doch es ist nicht nur die Armut, die ihnen das Leben so schwer macht: Deborah hat ihrem Mann einen missgebildeten Sohn geboren, einen regelrechten Idioten – ein Kind, das nicht sprechen kann und das seiner Familie vom Tage seiner Geburt an durch seine bloße Existenz eine schier unerträgliche Last auferlegt. Die Mutter verwendet einen Großteil ihrer Kräfte auf Heilung ihres Sohnes, doch das so sehr erhoffte Wunder will sich einfach nicht einstellen und bleibt jahrelang aus.
Als die Familie eines Tages nach Amerika aufbricht, um dort hoffentlich ein neues und besseres Leben zu beginnen, muss Deborah ihren kranken Sohn schweren Herzens zurücklassen. (Und jeder, der sich ein wenig mit der entsprechenden Geschichte im Altem Testament auskennt, wird sich denken können, dass das Schicksal es auch im »gesegneten Amerika« nicht viel besser mit Mendels Familie meinen wird).

Plötzlich setzte Mendel das Glas ab und sagte: »Wir werden nach Amerika fahren. Menuchim muss zurückbleiben. Wir müssen Mirjam mitnehmen. Ein Unglück schwebt über uns, wenn wir bleiben.« Er blieb eine Weile still und sagte dann leise:
»Sie geht mit einem Kosaken.«
Das Glas fiel klirrend aus den Händen Deborahs. Mirjam erwachte in der Ecke, und Menuchim regte sich in seinem dumpfen Schlaf. Dann blieb es still. Millionen Lerchen trillerten über dem Haus, unter dem Himmel.
Mit einem hellen Blitz schlug die Sonne ans Fenster, traf den blanken Samowar aus Blech und entzündete ihn zu einem gewölbten Spiegel.
So begann der Tag.

Das Schöne an der ganzen Geschichte ist, dass Roth die biblische Vorlage nicht detailgetreu nacherzählt, sondern das Szenario zwar modernisiert, aber auch abändert und anpasst. Das tut er mit Worten, die im Gegensatz dazu beinahe malerisch-verträumt erscheinen, jedenfalls ganz und gar nicht »modern«. Stilistisch nähert sich der Roman dadurch sogar größtenteils wieder der Bibel an, denn Roths Sätze sind einfach und nicht überladen, dafür aber umso präziser. Als Leser hat man das Gefühl, man stecke mitten drin in diesem großen Sinnbild des Lebens, ein bisschen ist es fast so, als sitze man in der Kirche und lausche dem Pastor, der aber hier gleichzeitig und vor allen Dingen auch genauer Beobachter und glänzender Geschichtenerzähler ist.
Roth jedenfalls hat 1930 mit »Hiob« einen Roman vorgelegt, der trotz seiner markanten religiösen Züge viel mehr ist als eine bloße Nacherzählung: Die Geschichte des Juden Mendel ist auch ein Abbild der damaligen Gesellschaft und eine gelungene Annäherung an die Frage nach Wert und Unwert von Prinzipien und Moral.

Hiob
von Joseph Roth

192 Seiten, € 7,90
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3423130202
erschienen bei dtv

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Ein Kommentar zu “Hiob”

  1. Wir mussten das Buch in der Schule im Deutsch Leistungskurs lesen. Aber ich hätte es auch gern in meiner Freizeit gelesen – ein sehr schön geschriebenes Buch, das mal wieder das Thema Juden aufgreift – aber wirklich interessant und lesenswert

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