Shan Sa: »Himmelstänzerin«

Peking, Mitternacht, klarer Himmel und Mondsichel.
Die Armee hatte in der Aufstellung, die den Platz des Himmlischen Friedens umschloss, eine Bresche geöffnet. Tausende Studenten strömten, von Soldaten eskortiert, langsam auf die Straße des Ewigen Friedens.

Ayamei ist ein unbezähmbarer Vogel, der sterben würde, sperrte man ihn ein. Wenn sie erst aus der Stadt heraus ist, wenn sie erst in der freien Natur ist, wird sie ihre Flügel ausbreiten und sich in die Lüfte schwingen.
Weh mir, nie wird sie heimkehren.

Die Nacht des 4. Juni 1989 verändert das Leben der jungen Chinesin Ayamei: Sie ist nicht nur ambitionierte Jurastudentin an der Universität von Peking, sondern auch der lenkende Kopf hinter der Studentenrevolution, diejenige, die alle anderen vorantreibt.
Die Regierung hat sich das Aufbegehren der jungen Intellektuellen lange genug mit angesehen. In dieser Nacht rollen Panzer über den Platz des himmlischen Friedens, es wird geschossen. So etwas wie Bürgerkrieg, nur begrenzter, aber nicht weniger brutal.

Dank der Hilfe eines Fremden gelingt es der jungen Frau, Peking zu verlassen und sich in die Einöde der Berge zu retten. In dieser völligen Abgeschiedenheit versucht sie, sich vor den nahenden Soldaten zu verstecken, und macht auf ihrer Flucht die Bekanntschaft eines merkwürdigen Jungen, der sich in den Wäldern jenseits der Berge wie zu Hause zu fühlen scheint. Dieser Junge bleibt an ihrer Seite und führt sie durch die Wildnis, so lange, bis die Soldaten sie fast gefunden haben.

Diese Virtuosität im Variieren der Erzählstimmung beruht auf einer außergewöhnlichen Beherrschung der Sprache, auf einer unglaublich wandlungsfähigen Prosa.

LE MONDE

Es fällt mir leider schwer, nach der Lektüre noch irgendetwas Gutes an diesem Buch zu finden. Diese „Virtuosität der Sprache“ kann ich am allerwenigsten nachvollziehen, da schafft es jeder Groschenroman, genauso viel, wenn nicht noch mehr Stimmung aufzubauen. Ich bin immer wieder über winzigkleine Details gestolpert, die so einfach nicht stimmig sind: ein tropfendes Rinnsal, Perspektiven, die ich nicht nachvollziehen konnte. Es wimmelt geradezu vor leeren, schon x-mal gehörten Floskeln, die das Ganze so unheimlich langweilig machen. Alles, was passiert, passiert nicht ohne Wind: Auf jeder Seite raschelt das Blattwerk der Bäume im Wind, Salzgeruch wird vom Wind herbeigetragen, Wind hier, Wind da. Dieses Wort fällt vermutlich öfter als der Name der Hauptperson.
Würde ich das französische Original kennen, könnte ich guten Gewissens behaupten, die Übersetzung sei auf ganzer Linie misslungen. So aber kann ich das nur in den Raum stellen.

Aber nicht nur stilistisch wirkt der Roman einfallslos, auch die Geschichte und ihre Wendungen (besondes zum Ende hin!) sind nichts Neues, meist völlig konfus und unverständlich. Mit Mühe und Not und wenig überzeugend wird Ayamei auf den letzten Seiten noch der Stempel einer Götting/eines Geistes aufgedrückt, damit das Ganze auch ja rund wird und sich der Ring um die Protagonisten schließen kann. Wir brauchen schließlich noch irgendeine Art Gleichnis, bevor das Ganze vorbei ist. Diese chaotische Unentschiedenheit zwischen Realität und Fiktion (die man mit viel gutem Willen vielleicht auch noch als Phantastik bezeichnen könnte) bricht der Geschichte zum Ende hin endgültig das Genick und macht alles, was bis dahin etabliert werden konnte (was beileibe nicht viel wahr), innerhalb weniger Sätze nun wirklich vollständig zunichte.

Himmelstänzerin
von Shan Sa

160 Seiten, € 9,95

ISBN 978-3492271271
erschienen bei Piper

rezensiert von

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