A. D. Miller: »Die eiskalte Jahreszeit der Liebe«

Ich roch sie, bevor ich sie sah.

In dem Roman wird ein etwas anderes Wintermärchen erzählt: Nick, britischer Anwalt, wird nach Moskau versetzt, um dort als juristischer Beistand Geschäfte abzuwickeln. Eines Tages trifft er zwei junge Russinnen in der Metro. Wenig später gehen sie zusammen essen.
Es entwickelt sich eine skurrile Geschichte, die dem Anschein nach auf Lügen basiert. Nick verliebt sich in Mascha. Doch welches Geheimnis trägt sie mit sich? Ist das alles nur ein Spiel? Und welche Funktion nimmt Nick dabei ein?

Als wir nach draußen kamen, war es kalt. Nach drei Wintern in Russland wusste ich, jetzt war er da, der große Frost, das Eis in der Luft, das sich bis in den April hielt.

Der Autor Andrew Miller hat selbst eine Zeit lang in Moskau gelebt und gibt dem Leser einen Einblick in das kalte, verschneite Moskauer Leben. Zum einen verzaubert der Roman durch die Schilderungen der Stadt mit all ihren Gebäuden, Straßen und öffentlichen Plätzen – zum anderen versteht es der Autor gekonnt, die Abgründe dieser Stadt aufzuzeigen – Abgründe, die selbst vor dem aufstrebenden Anwalt nicht Halt machen. Nick verliert den Boden unter den Füßen. Eine bizarre Realität schlägt ihm wie ein eisiger Winter ins Gesicht.

Mit realistischen Darstellungen von Figuren wird ein Portrait der Moskauer Gesellschaft geschaffen. Millers Erzählung besteht aus zwei Ebenen: Im Mikrokosmos steht die Beziehung zwischen dem Briten Nick und der Russin Mascha. Dieser Kern wird in die zweite Ebene, in den Makrokosmos Moskau hineingepflanzt.
A. D. Miller schafft somit ein literarisches Werk, welches Aufschluss gibt über Menschen und ihr Verhalten innerhalb einer Gesellschaft, welche an Dubiosität, Korruption und Kälte nicht zu übertreffen ist.

Vom Markthändler mit dem ihm freundlich gesinnten Polizisten, der mal ein Auge zudrückt, bis zum Oligarchen mit willfährigem Politiker im Kreml braucht jeder, der es zu etwas bringen will, braucht jeder ein krischa: jemanden, der einem Gehör verschafft oder die nötigen Strippen zieht, vielleicht ein Verwandter, ein alter Freund oder auch nur jemand Mächtiges, dessen kompromittierende Geheimnisse man zum Glück kennt.

Trotz juristisch beladener Passagen verliert die Handlung nicht an Spannung.
Der Frühling naht, ein Ende ist in Sicht und winterliche Geheimnisse kommen ans Tageslicht.

Rezension von Eileen Weigmann

Die eiskalte Jahreszeit der Liebe
von A. D. Miller

übersetzt von Bernhard Robben

288 Seiten, € 18,99
(gebunden)

ISBN 978-3100490193
erschienen bei S. Fischer

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