Jürg Federspiel: »Die Ballade von der Typhoid Mary«

Am frühen Morgen des 11. Januar 1868 tauchte im Schneewirbel ein Schiff auf, das die New Yorker Hafenbehörde erst bemerkte, als es die Bannmeile verletzt hatte. Doch es war nicht nur die schlechte Sicht auf die schwärzliche See, nicht nur Dämmerung und Schnee-,da war noch etwas anderes, das befremdete: Kein Jubelgeschrei, wie es sonst von jedem Emmigrantenschiff aus Europa zu vernehmen war, hatte die schläfrige Küstenwache geweckt

Mit diesem Schiff kommt Mary Mallon, die sich als Tochter des Schiffkochs ausgibt, in New York an. Als einzig Überlebende der Thypusepidemie auf dem Schiff wird sie von einem Arzt bei sich zuhause aufgenommen, und muss es alsbald verlassen. Mary Mallon, wie sie sich nennt, entdeckt ihre Leidenschaft als Köchin und sucht immer wieder eine Anstellung in den New Yorker gutbürgerlichen Haushalten. Seltsamerweise erkranken während ihres Aufenthaltes immer wieder mehrere Familienmitglieder, um die sie sich aufopferungsvoll kümmert. Mary ahnt es; sie ist ein todbringender Engel. Selbst gegenüber Thypus immun, überträgt sie dessen Bakterien auf andere Menschen.

Am elften Tag ihrer Arbeit fand Mary Mr. Spornberg krank und matt vor. Es war fünf Uhr, sie stellte ihm Teekanne und Kekse hin […]

Alsbald geht in New York das Gerücht von der Typhoid Mary um, denn es brechen immer wieder Typhusepidemien aus. Erst nach Jahren kommt ein Arzt, der sich mit Kochs Entdeckungen der Typhusbakterien befasst, Mary Mallon auf die Spur, was ihr einen isolierten Krankenhausaufenthalt und letztendlich einen sehr einsamen Tod bringt.

Die Erzählung wird vom Urenkel, selbst Arzt, erzählt. Der Erzählfluss wird immer wieder vom Konstatieren historischer Ereignisse unterbrochen und erweckt nicht unbedingt den Eindruck, dass Mary Mallon tatsächlich existierte. Doch soll es ja laut des Autors eine Ballade sein, die in gewandter, teils leichter, teils düsterer, immer sehr bildlicher Sprache, die Lebensgeschichte einer tragischen Frau erzählt.

Die Nacht mit der Erzählung verbringend und Marys Odyssee durch den »Schmelztiegel« New York verfolgend, kann ich das Buch wärmstens empfehlen.

Die Ballade von der Typhoid Mary
von Jürg Federspiel

160 Seiten, € 7,99

ISBN 978-3518384831
erschienen bei Suhrkamp

rezensiert von

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