Christian von Aster: »Der Wasserspeier Fledermeier«

Manchmal sieht man auf den Dächern alter Häuser und Kirchen Figuren aus Stein. Die heißen Wasserspeier, starren meist garstig von dort oben herab und sind dabei ganz furchtbar hässlich. Und das sollen sie auch sein [ … ].

Solche Wasserspeier, fünf davon, stehen auch auf dem Dach des Zuhauses von Kindergartenkind Boris. Zumindest so lange, bis eines Winters nur noch vier zu sehen sind und es nachts auf dem Dachboden rumpelt. Als Boris’ Vater auf den Dachboden gehen muss, folgt der Sohn und entdeckt, dass alte Kleidung aus Koffern und Kisten fehlt. Mitleidig mit dem vermutlich vor der Winterkälte geflohenen Wasserspeier, versorgt Boris ihn anfangs zaghaft, später freudig mit Nahrung, Spielen und Gesellschaft. Natürlich wird auch Unsinn angestellt. Am Ende des Winters bleiben ein Wasserspeier und ein Junge, die keine Angst voreinander haben, und die Vorfreude auf den nächsten Winter.

Aber Boris war ja schon fünf. Er hatte gar keine Angst. Oder zumindest nur ein kleines bisschen. Und weil er schon so groß war, rief er nicht nach seiner Mutter und schlief kurz vor Mitternacht schließlich von alleine ein.

Wenn ein Autor des Düsteren ein Kinderbuch schreibt, gibt es sicherlich erst einmal fragende Blicke. Und ein schwarzes Kinderbuch ist auch ungewöhnlich.
Aber der Blick hinein lohnt sich auch für Erwachsene unbedingt, denn das Buch beginnt zwar inhaltlich mit dem Thema Angst und optisch sehr dunkel, beides wird dann aber sukzessive mit der schwindenden Angst Boris‘ immer heller und freundlicher.

 

 

Lohnend auch der haptische Umgang mit dem Buch, denn man muss es drehen, ins Licht halten, nah herangehen oder es weit weghalten, um ihm zu folgen. Die Schrift bläht sich oder wird fast unsichtbar.
Die Illustrationen von benSwerk sind ohne Angeberei, immer stimmig, nie gruselig, in satten Farben und einer ausgewogenen Palette. Hier und da fügen Sie der Geschichte Details hinzu, die im Text nicht vorkommen.
Ich kann mir für ein Kinderbuch kein schöneres Thema vorstellen als die Geschichte dieser langsam wachsenden Freundschaft und keine umfassendere Metapher für alle Sorten Wesen als die des Wasserspeiers.

Boris wollte mal wissen, wie das Leben als Wasserspeier so war. Darum stellte er sich […] genau dahin, wo früher Herr Fledermeier gestanden hatte. Und versuchte ganz furchtbar böse zu gucken.

Fazit: Mit reinem Gewissen für alle Erwachsenen und Kinder zu empfehlen.
Warum?

    1. Andere Kinderbücher verniedlichen alles, dieses Buch nimmt Kinder ernst, ohne dabei schwer zu sein.
    2. In »Hänsel und Gretel« werden Kinder gemästet und Hexen gebacken, das Schlimmste hier ist Rumpeln auf dem Dachboden.
    3. Weil man etwas daraus lernen kann, aber nicht muss. Keine Moralkeule.
    4. Weil es so schön ist, dass sogar Erwachsene beim Lesen weinen könnten.
    5. Weil es hochwertig geschrieben, illustriert und produziert ist.
    6. Weil Kinder die Figuren nachzeichnen wollen könnten.
    7. Weil es zu dunkel ist, um hinein zu malen.

 

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derwasserspeierfledermeier

Der Wasserspeier Fledermeier
von Christian von Aster

40 Seiten, € 14,00
(gebunden)

ISBN 978-3942171823
erschienen bei Uni-Edition

rezensiert von

Ein Kommentar zu “Der Wasserspeier Fledermeier”

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