Serhij Zhadan: »Depeche Mode«

Als ich vierzehn war und meine eigenen Vorstellungen hatte, was das Leben betrifft, ließ ich mich zum ersten Mal vollaufen.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, fing ich wieder auf der ersten Seite an.

Und wir gehen wirklich rauf bis zum Treppenabsatz im dritten Stock, Tschapaj fummelt am Schloß rum, macht die Tür auf, und wir treten aufs Dach, und unvermittelt sehen wir:

21.00
Im Westen ein Bündel orangeroter Schienen, sie ziehen sich vom Bahnhof her, der dunkel weiter rechts steht, und leuchten in der Sonne, die Sonne hängt in der Gegend des Kalten Bergs, klasse, sage ich, an deiner Stelle würde ich hierherziehen-

Das, was Serhij Zhadan in »Depeche Mode« entwirft, ist ein eigener Kosmos. Vielleicht ist oder war das die Realität in der Ukraine, in Charkiw, wo die Handlung spielt, manchmal (wenn man überhaupt von Handlung sprechen kann, aber auf jeden Fall: kommt Charkiw vor im Buch).
Und ich fühle mich in diesem Kosmos, in diesem Chaos, aufgehoben, irgendwie: verstanden.

Später, wenn du groß bist und auf der Bank oder im Gaskontor arbeitest, wenn du mit der Realität übers Fernsehen kommunizierst und mit deinen Freunden per Fax, falls du Freunde hast und sie ein Fax, dann wirst du natürlich auf so einen besoffenen Teenager-Trip scheißen […]

Zhadan hat das Chaos unserer Gegenwart, unserer Welt, begriffen. Begriff-en, meine ich. Begriffe, Worte dafür gefunden. Die sind nicht immer schön, aber sie wirken echt.
Die Sprache – schnoddrig teilweise, aber keine Kunstsprache, kein Artefakt wie die Sprache von so vielen Autoren in so vielen Büchern, denen man nachgesagt, sie seien Sprachrohr einer Generation. Das ist vielleicht in ein paar Jahren wieder anders, also die Art, wie ich die Sprache auffasse.

Chaos – Chaos in der Sprache, Sätze ohne Punkt und Komma oder mit Punkt und Komma aber nichtsdestotrotz wunderbar treibend. Und dann vier Prologe, und man wundert sich, auf Seite 83 heißt es plötzlich

diese lyrische Erzählung beginnt damit, daß vor unserer Tür ein Kerl im blauen Regenmantel auftaucht, mit Plaste-Aktenkoffer, lange an einem Zettel herumfingert, nachschaut, ob die Adresse stimmt,…

Dazwischen immer die akuraten Uhrzeiten, die aber an Bedeutung verlieren, weil die Protagonisten nicht schlafen, wenn Nacht ist, oder frühstücken, wenn es Morgen ist, eigentlich konsumieren sie nur zwei Dinge: Alkohol und Haschisch.
Das strenge Gerüst der Form verliert gegen das Chaos, die eigentliche Tragik der Situation verliert gegen ihre Komik, die geschilderten Szenen sind teilweise zum Brüllen.

Kein Roman zum Schwelgen, eigentlich nicht einmal ein Roman im herkömmlichen Sinne, ein Sammelsurium an Absurdität und Tragikomik und irgendwo dem Gefühl, Wahrheit zu lesen.

So wahr, und so gut, dass man gleich nach dem letzten Satz wieder vorne beginnen möchte. Und es spricht eigentlich nichts dagegen.

Depeche Mode
von Serhij Zhadan

245 Seiten, € 10,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3518124949
erschienen bei Suhrkamp

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