Juli Zeh: »Adler und Engel«

Sogar durch das Holz der Tür erkenne ich ihre Stimme, diesen halb eingeschnappten Tonfall, der immer klingt, als hätte man ihr gerade einen Herzenswunsch abgeschlagen.

Clara bringt Max dazu, eine Reise in seine Vergangenheit zu unternehmen, erst nur in Gedanken, später dann auch physisch, soweit das denn möglich ist.

Clara kommt zu Max, weil dieser bei ihr anrief, in der Radioshow, und weil er anfing zu erzählen, die Geschichte von Jessie.
Jessie, die sich eine Kugel ins Ohr schoss, während er mit ihr telefonierte.

Cooooper, sagte sie, ich glaube die Tiger sind wieder da.
Das ist doch Unsinn, sagte ich, hör auf damit.
Du kommst doch wiiiieder, oder?
Natürlich komme ich wieder, sagte ich, spinn nicht rum.
Ich spinne nicht, sagte sie.
Dann fiel der Schuss. Erst erkannte ich ihn gar nicht als ein Geräusch, er fuhr mir wie ein Messer ins linke Ohr, der Schmerz war scharf und schnell, und danach begann es zu pfeifen.

Frau Zeh schreibt ohne Zweifel vielschichtig. die Perspektive bleibt bei Max, aber erzählt wird auf zwei Ebenen, und nicht linear.
Die Figuren mit den Plattitüdennamen (nur Shershah hebt sich von den Allerweltsnamen ab) sind alle irgendwie ganz extrem, zumindest soll das wohl so scheinen, in echt sind sie ganz normale Irre, symptomatisch für unsere Gesellschaft, die abgebrühte Radiomoderatorin, der koksende Rechtsanwalt, die Gangstertochter mit Macke oder auch Nicht-Macke, auf jeden Fall lebhaft in ihrer eigenen Welt…
Das Ganze erinnert ein wenig an eine griechische Tragödie, nur eben in der heutigen Zeit, der aristhotelische Aufbau ließe sich über das Werk stülpen, aber wir sind hier weder im Deutschunterricht noch im Germanistikseminar. Wären wir dort, könnte man die unterschiedlichsten Dinge thematisieren, welche Funktion hat der Professor, was sagt uns der Titel eigentlich über das Buch, warum verwendet die Autorin diese Tiermetaphorik, die Liste ließe sich fast beliebig weiter führen, aber darum geht es ja nicht.

Das was mir passiert, jetzt, wenn ich versuche über das Buch zu schreiben ist nämlich auch das, was mir als das größte Problem des Textes erscheint: Das Ganze gerät zu unfokusiert, ich kann einiges mit dem Text anstellen in meinem Kopf, aber er stellt wenig mit mir an.

Die Sprache, der Inhalt ist manchmal ekelig, aber nicht ekelig genug, als dass ich das Buch nicht weiter lesen würde, die Charaktere sind irgendwie oberflächlich und ungreifbar, sie nerven, aber sie nerven nicht so sehr, als dass ich das Buch zur Seite legen würde um mich anderweitig zu beschäftigen.

Als sie herauskommt, trägt sie ein kleines Silbertablett vor sich her, auch dass muss aus einem Cafehaus gestohlen sein, und darauf angerichtet sind eine Linie Koks und ein gerollter Tausend-Schilling-Schein, gar nicht mal schlecht gemacht, offensichtlich lernt sie durchs Zusehen.
Das Leben, sage ich, ist wie ein Adventskalender …

Und die andere Sache ist die, dass Adler und Engel wieder eines der Bücher ist, das nach einer Weile beginnt, ein Krimi werden zu wollen, und bei dem ich mich frage, warum?

(Das Problem ist nicht, dass eine solche Handlung sich plötzlich entspinnt, oder warum sie plötzlich sichtbar wird, da war sie ja auch schon davor, das Problem ist, dass die Sprache nicht so ist, als das sich diese Wandlung aus dem Text heraus zu ergeben scheint, das Problem ist, ich wiederhole mich, dass in dem Roman so vieles so unfokusiert in alle möglichen Richtungen läuft.)

Das Leben, sage ich, ist wie ein Adventskalender, hinter dessen vierundzwanzigster Tür sich ein weiterer Adventskalender befindet.
Oh come on, sagt Clara.

Adler und Engel
von Juli Zeh

448 Seiten, € 10,00
(broschiert / kartoniert)

ISBN 978-3442729265
erschienen bei btb Verlag

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